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ANDY EICHER: Klangwelten, die berühren
Vom Rockmusiker und Filmkomponisten zum Schöpfer atmosphärischer Klangwelten: Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Andy Eicher damit, wie Musik Menschen erreichen und berühren kann. Heute verbindet der österreichische Komponist Musik mit Natur, Resonanz und neuen Formen des Klangerlebens.

Schon am Anfang war sie da, die Musik
Musik begleitet Andy Eicher fast sein ganzes Leben. Aufgewachsen im niederösterreichischen Amstetten, gehörten in seiner Jugend eine Stereo-Anlage und Kopfhörer zu seinen wichtigsten Besitztümern. Nach der Schule in die Welt der Klänge einzutauchen, war für ihn regelmäßig der Höhepunkt des Tages.
Der Wunsch, selbst Musik zu machen, entstand früh. Ein Schulfreund besaß eine Orgel mit zwei Tastaturen, spielte Gitarre und sang Elvis-Songs. Dort machte der Jungmusiker seine ersten Versuche an den Tasten. Zu Weihnachten bekam er schließlich seine eigene, deutlich kleinere Orgel. Von da an probierte er Melodien und Akkorde aus und versuchte, die Musik seiner Lieblingsplatten nachzuspielen.
Seine Begeisterung ging so weit, dass selbst die Schule zum heimlichen Übungsraum wurde: Eicher fertigte sich eine Tastatur aus Papier und legte die improvisierte Klaviatur unter sein Schultischfach. Zuhause hielt die Orgel dieser Begeisterung allerdings nicht lange stand – nach etwa einem Jahr war es bereits deutlich in Mitleidenschaft gezogen.
„Seit meiner Jugendzeit ist Musik immer ein Zufluchtsort für mich.“
Bald folgten die ersten Bands. Geprobt wurde zunächst in einem alten, kalten Bauernhaus, auf dem Programm standen unter anderem Songs der Beatles, von Creedence Clearwater Revival und Deep Purple. Weitere Formationen, Auftritte und schließlich erste Studioaufnahmen mit eigenen Stücken folgten.
Doch Musik war schon damals mehr als ein Hobby. Mit dem Kopfhörer auf den Ohren wurde sie zu einem persönlichen Rückzugsraum – zu einer Möglichkeit, das Hier und Jetzt zu verarbeiten, sich für eine Weile aus der Gegenwart zu lösen und in eine andere, vielleicht leichtere Welt einzutauchen. Rückblickend beschreibt er diese Erfahrung als einen ersten, damals noch unbewussten Hinweis darauf, welche Kraft Musik für ihn besitzen konnte. Sie habe ihm einen Weg zu seinem Inneren eröffnet.
Nach den Jahren mit verschiedenen Bands legte Eicher zunächst eine Pause ein. Als er zur Musik zurückkehrte, hatte sich sein Interesse verschoben: Er wollte seine eigenen musikalischen Ideen komponieren und selbst aufnehmen. Inspiriert von Filmmusik und Komponisten wie Hans Zimmer richtete er sich zu Hause ein erstes kleines Studio ein. Die technischen Möglichkeiten waren noch überschaubar, doch erstmals konnte er seine Musik unabhängig von einer Band oder einem professionellen Tonstudio festhalten.
Das damals junge Internet öffnete eine weitere Tür. Eicher veröffentlichte eigene Stücke auf einer Musikplattform. Darüber wurde ein deutscher Musikverlag auf seine Arbeiten aufmerksam, der Musik für Film und Fernsehen vermittelte. Der Niederösterreicher fuhr nach München, unterschrieb einen Vertrag und begann, auch für Film und Fernsehen zu komponieren.
Von der Filmmusik zu eigenen Klangwelten
Der Weg zur Meditationsmusik begann mit einem Auftrag, der für den Komponisten zunächst ungewohnt war. Ein befreundeter Gitarrist war von einer Seminarleiterin gefragt worden, ob er Musik für ihre Arbeit komponieren könne, und holte Eicher dazu. Das erste gemeinsame Stück entstand zum Thema Erzengel Michael.
Die musikalischen Vorgaben waren ungewöhnlich: Nicht Noten oder ein bestimmter Stil standen am Anfang, sondern Beschreibungen von Empfindungen, Farben und sogar davon, wie sich die Musik „anfühlen“ oder „riechen“ sollte. Für ihn und seinen Kollegen bestand die Herausforderung darin, diese abstrakten Vorstellungen in eine musikalische Sprache zu übersetzen.
Aus diesem Experiment entwickelte sich ein langfristiges Projekt. 2002 gründete Eicher gemeinsam mit Wolfgang Tejral Lichtpunkt Records. Über zwölf Jahre entstanden ebensoviele CDs der Reihe klangwelten – music for your soul. Die einzelnen Veröffentlichungen kreisten um unterschiedliche Stimmungen und Lebensthemen und fanden ein beträchtliches Publikum. Nach Angaben von Eicher Music wurden mehr als 100.000 CDs verkauft.
Rückblickend beschreibt Eicher die klangwelten auch als einen Wendepunkt seiner musikalischen Arbeit. Im Mittelpunkt habe zunehmend nicht mehr nur das musikalische Werk selbst gestanden, sondern die Atmosphäre, die Musik schaffen könne. Bis heute verstehe er seine Arbeit als den Versuch, innere Bilder und Empfindungen in Musik zu übersetzen.
Mehr als zwei Jahrzehnte später trifft diese Haltung auf eine Lebenswelt, die der Vater und Großvater als schneller, lauter und digitaler erlebt. Das Smartphone sei zum ständigen Begleiter geworden – selbst beim gemeinsamen Essen, beim Lesen oder auf Konzerten. Dadurch gehe, so seine Beobachtung, zunehmend die Fähigkeit verloren, Langsamkeit und die leiseren Töne wahrzunehmen. Gleichzeitig nehme er eine Gegenbewegung wahr: die wachsende Sehnsucht nach Momenten wirklicher Ruhe.
„Meine Musik kann für diese Menschen eine Einladung zum Innehalten sein.“
Was diese Einladung bei Menschen auslösen kann, erfährt er vor allem durch die Rückmeldungen seines Publikums. Besonders berühren ihn Berichte von Menschen, die beim Hören seiner Musik Stress und Alltagssorgen für eine Weile hinter sich lassen können. Dann, sagt er, schließe sich für ihn „der Kreis auf die schönste Art und Weise“.
2021 rief Eicher das Unternehmen Eicher Music ins Leben. Im hauseigenen Tonstudio komponiert und produziert er weiterhin selbst. Gleichzeitig entstehen dort in Kooperation mit anderen Musikschaffenden neue Produktionen und Klangprojekte.

Dabei interessiert sich der Künstler auch für die technischen Möglichkeiten des Klangerlebens. Ein Beispiel dafür ist die gemeinsam mit dem Gongspieler Ulrich Draxler-Zenz entwickelte GONG soundcreation. Um die räumliche Wirkung verschiedener Gongs möglichst authentisch einzufangen, arbeitete er mit binauraler Aufnahmetechnik. Zwei Mikrofone in den künstlichen Ohren eines Kunstkopfes zeichnen den Schall ähnlich auf, wie ihn der Mensch naturgemäß wahrnimmt. Bei der Wiedergabe über Kopfhörer kann so ein räumlicher Höreindruck entstehen. Zu den Gongaufnahmen komponierte er zudem eigene Klanglandschaften.
Derartige Projekte zeigen eine weitere Facette seines Schaffens. Er beschäftigt sich dabei nicht nur mit dem Komponieren selbst, sondern ebenso mit der Frage, wie sich Klangerlebnisse aufnehmen, gestalten und Menschen auf neue Weise zugänglich machen lassen.
Wenn die Musik ihn findet
Bei aller Technik liegt Eichers wichtigste Inspirationsquelle außerhalb des Studios: in der Natur. Weite Räume, Stille, besondere Klanglandschaften und visuelle Eindrücke prägen seine Arbeit. Ein klarer Horizont könne ebenso zum Ausgangspunkt einer Komposition werden wie ein intensiver Sonnenuntergang oder der Blick in einen nächtlichen Himmel. Solche Wahrnehmungen, erzählt er, nehme er tief in sich auf – manchmal lange, bevor sie musikalisch wieder auftauchten.
Erzwingen lasse sich dieser Prozess nicht. An manchen Tagen sitze er stundenlang im Studio, ohne dass auch nur eine einzige Note zustande komme. Dann wiederum setze er sich nur kurz hin – und die Eindrücke flössen beinahe mühelos durch ihn hindurch.
„Dann existiert keine Zeit mehr für mich.“
Er beschreibt einen Zustand, in dem das analytische Denken in den Hintergrund trete und auch der innere Kritiker für eine Weile verstumme. Nicht jeder Ton müsse unmittelbar beurteilt werden; musikalische Ideen dürften sich zunächst frei entwickeln. Manchmal, erzählt er, staune er anschließend selbst darüber, was in solchen Momenten entstanden sei.
Die Natur ist für ihn inzwischen nicht mehr nur Inspirationsquelle. In Projekten wie Magic Nature verbindet er eigene Kompositionen mit Naturaufnahmen und Klanglandschaften.
Diese Verbindung möchte er weiter ausloten – mit neuen Aufnahmen, Kooperationen und möglicherweise sogar mit einem ungewöhnlichen musikalischen Gegenüber. Er könne sich vorstellen, künftig sogar mit Pflanzen zu musizieren.
[Anmerkung der Redaktion: Eine Möglichkeit für solche Experimente bietet beispielsweise die sogenannte Biodaten-Sonifikation. Dabei werden bioelektrische Veränderungen einer Pflanze mithilfe von Sensoren erfasst und anschließend in musikalische Parameter übersetzt. Die Pflanze „komponiert“ dabei nicht im menschlichen Sinne; vielmehr werden ihre bioelektrischen Signale mithilfe der Technik hörbar gemacht. Für Musiker können die daraus entstehenden Tonfolgen wiederum Ausgangspunkt für Improvisationen und neue Kompositionen sein.]
Darin spiegelt sich ein Gedanke wider, der Eichers Arbeit seit Längerem begleitet: die Natur nicht nur als Inspirationsquelle zu verstehen, sondern sie unmittelbar in den musikalischen Prozess einzubeziehen.
Musik, die man fühlen kann
Die Musik sei lange vor dem Klangei dagewesen, erzählt Eicher. Erst später hätten die klangwelten in einem Vibrationsplayer eine neue Ausdrucksform gefunden. Dem Gerät habe er den Namen Klangei gegeben. Das technisch weiterentwickelte Klangei next führt dieses Konzept bis heute fort.

Das Grundprinzip sei einfach, erklärt Eicher: Ein Schwingungswandler überträgt die Musik auf eine geeignete Oberfläche, die dadurch selbst zum Resonanzkörper wird. Holz, Glas und andere Materialien verleihen dem Klang jeweils einen eigenen Charakter. Wird das Gerät direkt am Körper verwendet, werden die erzeugten Vibrationen zusätzlich über den Tastsinn wahrnehmbar. Musik werde dadurch nicht nur hörbar, sondern teilweise auch körperlich erfahrbar.
Laut Eicher Music werde das Klangei next heute sowohl im privaten als auch im professionellen Umfeld genutzt. Zum Einsatz komme es unter anderem zur Entspannung, zur Begleitung von Meditationen oder als Unterstützung beim Einschlafen. Darüber hinaus sei das System nach Angaben des Unternehmens auch in therapeutischen und pädagogischen Einrichtungen verbreitet – etwa in Kliniken, Rehabilitationszentren sowie in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und in der Arbeit mit Kindern. Auch Tierärzte, Tiertherapeuten und Hundetrainer setzten das Klangei in ihrer täglichen Arbeit ein.
Für das Klangei entstanden im Lauf der Zeit eigene sogenannte Klangkarten. Einige enthalten Kompositionen von Eicher selbst, andere entstanden in Zusammenarbeit mit weiteren Künstlern. Das Spektrum reicht von Instrumentalmusik und Naturaufnahmen bis hin zu Meditationen und räumlichen Klangexperimenten.
Aus Eichers Schaffen entstand nach und nach auch eine Plattform für künstlerische Kooperationen. Musiker können ihre Projekte gemeinsam mit Eicher Music realisieren und über die Klangkarten für das Klangei zugänglich machen.
Das Resonanzprinzip wurde später auch auf die sogenannte Klangeiliege übertragen. Die in Österreich gefertigte Holzkonstruktion ist so aufgebaut, dass ihre Liegefläche selbst als Resonanzkörper dient. Über das angeschlossene Klangei werden Musik und Vibrationen auf das Holz übertragen und dadurch körperlich wahrnehmbar.
Zwischen der selbst gezeichneten Tastatur seiner Schulzeit und dem heutigen Tonstudio liegen inzwischen mehrere Jahrzehnte.
Die technischen Möglichkeiten haben sich grundlegend verändert. Sein Ausgangspunkt scheint jedoch derselbe geblieben zu sein: die Faszination dafür, dass Musik mehr sein kann als eine Folge von Tönen – und für einen Moment einen eigenen Raum entstehen lässt. Wohin ihn diese Suche noch führen wird, lässt er offen. Neue Kooperationen sowie weitere Verbindungen von Musik und Natur könne er sich gut vorstellen. Vor allem aber wolle er offen bleiben – für neue Inspirationen und das, was daraus entstehen könne.
Offizielle Website: Eicher Music
Fotos: Eicher Music
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